Schon immer bin ich eine Harmoniesüchtige gewesen.
Es gibt nur ein Problem: Bücher leben nicht von Harmonie. Harmonie ist schön und gut, im Leben sicherlich erstrebenswert, aber in Geschichten? Wie wäre das, wenn der Held nicht mehr ausziehen muss, sondern seine große Liebe, den Topf Gold und das Lebenselixier längst zu Hause auf ihn warten? Langweilig wäre das! Autoren wie Leser wollen doch, dass Funken fliegen, Figuren an Hürden scheitern, Situationen auswegslos erscheinen. Zumindest habe ich noch keinen gefunden, der sich über die Alltagsvorstellungen eines ‚vollendeten‘ Helden freut. Ihr etwa?
All die Probleme, Schwierigkeiten und Konflikte, mit denen ich zurzeit Charlie quäle, das macht einen entweder depressiv oder man ist angewidert von einem selbst, da es Spaß macht … Ähem. Fluch des Autors, sage ich, masochistische Veranlagung bezogen auf seine Figuren. Oft schockiere ich mich selbst, wenn ich mich beim Tippen durch simple Szenen wie eine Verfolgungsjagd quäle, aber bei einer Sklavenauktion richtig aufblühe (in der Sicht einer Figur, die verkauft wird).
Das zweite Problem: Bei meinem derzeitigen Projekt sind alle meine Figuren TEENAGER:
Teenies empfinden extremer, sie verstehen die Welt nicht wie Erwachsene – alles ist gleich ein endgültiges Ende oder die große, unsterbliche Liebe. Und da sitze ich nun an meinem Laptop und denke: Oh Gott, so würde doch niemand reagieren. Erinner mich an meine Schulzeit und denke wiederum: Hm, vielleicht doch.
Unerwiderte Teenager – Liebe ist wirklich anstrengend. Ich dachte, ich habe viele Probleme mit meinen Freundinnen und auch mit mir selbst erlebt. Aber wenn man über seiner Geschichte schwebt und die Figuren in die schlimmstmögliche Konstellation schubsen kann … Dann ist die Pubertät wirklich hart! Gleichzeitig schwärmen nur Teenager in wundervollen OhnePunktundKommaSätzen. Ich selbst war nie diejenige, die Stunden lang über einen Jungen sprach, ich war eher die Zuhörerin und habe da noch unverarbeiteten Ballast in meiner Seele, der jetzt abgeworfen wird. 😉
Der Gipfel des Ganzen: unerwiderte Liebe der einen Figur plus Schwärmereien einer anderen gemischt mit einer zu großen Portion Sturheit. Denn daran erinnere ich mich noch gut. Sturheit. Wir haben immer geglaubt, der eine Weg, den wir einschlugen, wäre der Richtige. Wenn nicht – Weltuntergang. Aber zum Glück kann ich an diesem Punkt erneut über meiner Geschichte schweben, damit meine Figuren sich von ihrer festgefahrenen Meinung fortbewegen und verändern. (Segen des Autors, Überzeugungsarbeit ist außerhalb von Geschichten deutlich komplizierter.)
Wenn ich die Wahl hätte, meine Figuren würden jetzt sofort zusammenkommen – happily ever after. Das Schwärmen würde einer erwachseneren Form der Liebe weichen. Aber wie gesagt, Harmonie erzeugt keine dramaturgische Spannung. Leider! Meine Figuren müssen leiden, genauso wie die Teenager dort draußen, die vielleicht eines Tages mein Buch lesen und dann denken werden: Genauso fühle ich auch!
Derweil sitze ich weiterhin an meinem Laptop und rätsel, ob ich mich vor ein paar Jahren so verhalten hätte … Ein Hoch auf die aufregende, verwirrende und doch einzigartige Pubertät! So ein Gefühlschaos erlebt man nur dann, wenn noch alles frisch, neu und unbekannt ist.
PS: Vielleicht sollte ich für mein inneres Gleichgewicht einen neuen Text für die Kategorie „Nie verwenden“ verfassen. Da kann ich so viel Harmonie haben, wie ich möchte. 😉

Harmoniesucht vs Pubertät – Sieger ungewiss

Ein Gedanke zu „Harmoniesucht vs Pubertät – Sieger ungewiss

  • 1. August 2011 um 15:52
    Permalink

    Hey,
    das Problem kenne ich sehr gut 🙂
    Aber eigentlich ist doch gerade das gute am schreiben, dass es unendlich viele Charaktere gibt in die man sich hineindenken muss und deren Ansichten und Ideen nicht immer mit den eigenen übereinstimmen, selbst wenn es pubertäre Schwärmereien sind.
    Lg
    Luisa

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