Dezember 15 2011

Meine Lesung in der Elizabeth Shaw Grundschule, Berlin Pankow

Dank eines unglücklich gelegten Staatsexamens einer Lehrerin hatte ich dieses Jahr sogar die Ehre, gleich zwei Mal am bundesweiten Vorlesetag teilzunehmen. Die Elisabeth Shaw Grundschule in Berlin – Pankow musste nämlich aufgrund dieses Examens den Termin um eine Woche verschieben und lud Vorleser und Vorleserinnen in ihre Klassen ein. „Timmy und die Allergomörder“ sollte eine der sechsten Klassen unterhalten und zum Lesen animieren.

Um ehrlich zu sein, ich hatte schon am Morgen ein schlechtes Gefühl. Zunächst dachte ich, ich hätte etwas vergessen. Sechs mal sogar. Aber nachdem ich wieder und wieder meinen Bücherkoffer kontrollierte, und sogar der Büchergutschein vom Buchsegler-Kinderbuchladen eingesteckt war, konnte ich mir diese ‚Vorahnung‘ nicht erklären. Ich marschierte also los zum Bus, da ich nicht damit rechnete, mitten am S/U Bahnhof Pankow parken zu können. Schon gar nicht mit meinem Autochen! 😉

Das Chaos ließ auch nicht lange auf sich warten. Meine Tram blieb für unbestimmte Zeit wegen eines Verkehrsunfalls auf der Schönhauser stecken. Ihr wisst doch, man wartet geduldig, dann sagt der Fahrer, alle Passagiere können vorne aussteigen und man bekommt ein mulmiges Gefühl. Fünf Minuten später hat man sich gedanklich so zermürbt, dass man lieber läuft, als zu warten. Fazit: Ein morgendliches Jogging von der Bornholmer zum U-bahnhof Vineta Str, dabei natürlich nicht den Warnanruf bei der Schule vergessen, dass es eventuell später werden könnte.

Wie durch ein Wunder kam ich noch pünktlich an meiner Haltestelle an, aber dann erwartete mich das nächste Hindernis. Eine riesige Dauerbaustelle und kein Passant kannte die Straße, zu der ich wollte. Nicht einer! Das war wie verhext, nicht mal Google Maps über mein Handy konnte mir weiterhelfen. Aber nun ja, es liefen ja genug Kinder und Eltern herum. Irgendjemand musste die Grundschule doch kennen. Als ich endlich eine Mutter fand, die mir den Weg erklären konnte, loste sie mich zur falschen Grundschule … Denn dort auf der Ecke gibt es gleich fünf. Es war einfach nicht zum aushalten!

Als ich es dann fünf Minuten vor Beginn endlich, endlich geschafft habe, war meine Reise aber noch nicht beendet, oh nein. Die Schlusshürde waren sehr, sehr lange Treppen ins dritte Obergeschoss des klassischen Altbaus. Spätestens als ich oben im Klassenraum angekommen war, konnte ich und wollte ich nicht mehr. Da half der saloppe Spruch der Lehrerin auch nicht weiter, dass alle Gäste erstmal aus der Puste sind.

Wie gesagt, die Schule war ein Altbau. Daher hallte es ungemein und ich hatte meine Schwierigkeiten, das richtige Tempo zu finden. Am Anfang fing ich etwas zu langsam an, so fühlte es sich zumindest an. Lustigerweise steigerte ich mein Lesetempo bis zum Ende des ersten Parts auf eine Art ‚Erwachsenenniveau‘ – und die Kinder kamen gut mit! Das hat mich ehrlich überrascht. Normalerweise hat man mir immer geraten, langsam zu lesen (besonders wenn es hallt), aber die Klasse war wohl eine Ausnahme.

Leider war die Klasse ein wenig überdreht und unruhig. Im ersten Part konnten die Jungs sich nicht zusammenreißen, im zweiten breitete es sich über die Mädchen aus. Bei der Frage nach ihren Traumberufen artete es dann völlig im Durcheinander aus. Ich erinnere mich aber noch an die Psychologin, die Tierpflegerin, die Politikerin, den Richter, den Feuerwehrmann, und dass Weihnachtsmann und Osterhase in Gestalt von zwei Jungen nebeneinandersaßen.

Im Anschluss an die Lesung trafen sich alle Vorleser und berichteten im Beisein der Rektorin über die Erfahrungen mit der Klasse und welches Buch man ausgewählt hatte. Da die Kinder sich Autogramme wünschten, kam ich heillos zu spät und saß fast am Kopf der Tafel, fast wie auf dem Präsentierteller. Versammelt waren Bibliothekarinnen, Buchhändlerinnen, Eltern, ehemalige Schauspieler, … und meine Wenigkeit. Aber spätestens bei der Vorstellung fühlte ich mich ein wenig fehl am Platze. Lesungen aus Timmy habe ich so gestaltet, dass der Spaß und das Vergnügen im Vordergrund stehen. Die Zuhörer sollen Spaß am Buch haben, es soll ihnen Freude bereiten, mitzuarbeiten, Fragen zu stellen – und natürlich möchte sie neugierig auf den Fortgang des Textes machen.
Die Texte der anderen Vorleser drehten sich um Obdachlosigkeit, Ängste (vor alkoholsüchtigen Eltern), Goethes Götz von Berchlingen in der Kinderversion, …  Ich habe es irgendwie nicht geschafft, eine Brücke zwischen diesen Büchern zu schlagen. Der Unterschied war doch sehr gewaltig. „Timmy und die Allergomörder“ fiel irgendwie aus dem Rahmen.




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Veröffentlicht15. Dezember 2011 von Cornelia Franke in Kategorie "Lesungen

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