Amazon ist ein Unternehmen, das gewinnorientiert agiert. Wie jedes andere auch. Da es eine Buchpreisbindung gibt, bleibt Amazon lediglich die Möglichkeit, Gewinne zu erhöhen, in dem sie um Prozente feilschen. Die Art, wie Amazon dies umsetzen möchte, ist gewiss nicht schön, aber auch in anderen Branchen üblich. Mal als Beispiel. Der Lieblingseistee meines Mannes war zunächst bei Edeka ständig ausverkauft, dann nicht mehr lieferbar und am Ende ganz aus dem Sortiment genommen. Grund: Edeka wollte das Produkt 10 Cent billiger im Einkauf erwerben. Da die Firma nicht einwilligte, wurde der Eistee komplett gestrichen.

Schlussfolgerung: Mein Mann kauft seinen Eistee jetzt woanders.

Das Problem beim Buchhandel ist, dass hier der Umstieg auf einen anderen Laden, der mir ebenso viele Leistungen bietet, gar nicht so leicht ist.

Amazon hat ein so allumfassendes Netzwerk aufgebaut, dass es keine adäquate Konkurrenz mehr gibt. Das ist seit Jahren absehbar. Doch wie hat die Buchbranche reagiert? Verlage bauen ihre eigenen Vertriebswege oder E-Book-Portale auf. Buchhandlungen arbeiten nur mit bestimmten Großhändlern zusammen oder mit bestimmten Verlagen. Und Ketten wie Thalia vertreiben nur die Spitze, die dies sich leisten kann. So hat jeder sein eigenes kleines Süppchen gekocht. Kein System ist groß genug geworden, um Amazon das Wasser zu reichen.

Da Amazon ja so „böse“ ist, habe ich ebenfalls in den letzten Monaten immer wieder andere Wege versucht, meine Bücher zu beziehen.

Thalia&Co. machen die kleinen Buchhändler kaputt, die sind fast so gemein wie Amazon. Eigentlich ist alles böse, was ein bisschen größer wird, weil sich dann die klein geblieben benachteiligt fühlen. Das Amazon auch mal klein anfing, nicht von Interesse. Aber zurück zu Thalia: Traurig bei Thalia ist, dass jede Handlung (und in Berlin habe ich ein paar zur Auswahl) fast das identische Sortiment anbietet. Vom Service her sind die Mitarbeiter zwar meistens nett, doch in vielen Fialen nicht auffindbar. Und wenn man nach Titeln sucht, die mal nicht von den zehn großen Verlagen kommen, sind diese nicht im System. Oder sie müssen erst angefordert werden. Meistens habe ich aber keine Zeit, am nächsten Tag erneut bei Thalia im nächstgelegenen Center vorbeizuschauen. Das ist ein Umweg, ich muss erst ins Parkhaus, ect., ja ich bin in dieser Hinsicht faul, weil es auch einfacher geht.

Amazons klare Vorteile: Das riesige Sortiment. Sofortige, kostenlose Lieferung nach Hause. (Auch ohne Prime schnell.)  
Thalia und liebe Buchhändler, wie wäre es mal mit dem Angebot, dass man zwar in der Fiale kauft, aber nicht vorrätige Titel nach Hause geliefert werden? Oder die Entstehung eines Dienstleisters, der dies kostenlos und schnell ermöglicht?

Die kleinen Buchhändler. Als Berlinerin habe ich noch die Möglichkeit, mehrere kleine Buchhandlungen in der Nähe zu finden, aber die meisten sehen aus, als wären sie in den 90er stecken geblieben. Inklusive des Sortiments. Bestellen ist auch schwierig. Mal arbeiten sie nicht mit allen Großhändlern zusammen. Oder der Versand verzögert sich um bald eine Woche. Bzw. bei telefonischen Nachfragen ist die im Onlineshop getätigte Bestellung nicht mal aufrufbar. Geschweige denn, dass die Mitarbeiter sich nicht sicher sind, ob das Buch schon verschickt worden ist oder nicht. (Und hierbei handelte es sich um mehrere verschiedene Buchhändler.)

Wieder eine Leistung von Amazon, die mir das Leben vereinfacht: Suche und Bestellung sind schnell getätigt, ich werde benachrichtigt, wenn mein Buch verschickt wird, bekomme ggf. sogar einen Sendungscode.

Oder letztens bei Hugendubel. Ich wollte mich erkundigen, ob eine englische Reihe schon im Deutschen erschienen ist, auf die hatte ich spontane Leselust. Ich wusste die Autorin und den englischen Reihentitel. Der Kauf versagte am Computersystem, das ein wenig nach Windows 2000 anmutete. Nach zehn Minuten, in denen die Mitarbeiter nicht fündig wurden, suchte ich schließlich über mein Handy. Die Amazon-App lieferte mir in unter einer Minute eine Antwort. Leider war das Buch noch nicht im Deutschen erschienen, aber ich erfuhr dafür, wann der Termin sein soll.

Interessanterweise sind es die Buchhändler, die gerade aufschreien. Die sich ungerecht behandelt fühlen, sich noch mehr bedroht fühlen. Wie würde ich mir wünschen, dass diese Energie in tragende Verkaufsmodelle, Verbesserungen jeglicher Art gesteckt würde. Ich sehe es nicht als Bedrohung für Buchhändler, wenn Amazon Verlagen noch mehr Prozente abknöpfen möchte. Sondern als Chance. Hey, Verlage wir Buchhändler sind besser als Amazon, wir können euch genauso viel bieten… Sollten die Verlage auf die Prozentschraube eingehen, dann sollten sich Buchhändler bedroht fühlen.

Verlage begehren ebenfalls auf, sie werden geschröpft, Amazon rüttelt gerade an ihrer Position auf dem E-Book-Markt.  (Oder sollte ich eher sagen, an der noch nicht gut ausgebauten Position?) Aber die Situation haben sich Buchhändler und Verlage selbst geschaffen. Amazon ist nicht aus dem Nichts aufgetaucht, sondern hat sich über Jahre aufgebaut und erweitert. Warum hat niemand reagiert? Warum ist es so weit gekommen? Wie kann man die Situation noch ändern? Das sind die Fragen, die geklärt werden sollten und nicht: Oh, Amazon erpresst uns. Das ist so gemein.
Ja, es ist gemein. Aber in der Buchbranche werden jährlich Milliarden gemacht und Amazon sitzt aufgrund vieler Versäumnisse am längeren Hebel. Zeit ist Geld, Geld ist Macht. Warum sollte Amazon also deutsche Verlage und Buchhändler mit Samthandschuhen anpacken? Es baut seine Position weiter aus, mit zugegeben einer perfiden Strategie, um noch mehr Macht und Geld zu erlangen.

In jeder Branche werden nach ein paar Jahren neue Prozente verhandelt. Metaller. Autoherstellung. Handwerk. Das ist normal. Alltag. Wären die Verlage auf Amazon nicht angewiesen, müssten sie auf die härteren Auflagen nicht eingehen. Wenn so eine Nachricht jedoch so hochgespielt wird, sieht man erst, wie abhängig diese von Amazon sind. Und wie chancenlos der restliche Buchhandel.

Was dennoch total vergessen wird, ist folgender Punkt: Was ist mit dem Autor? Dem Erschaffer der Bücher, ohne die der Buchhandel, die Verlage und teilweise auch Amazon gar nicht existieren würden.
Der Gedanke, von seinen Büchern zu leben, ist eh utopisch. Die wenigsten Schriftsteller können dies. Außerdem werden mir die meisten Autoren sicherlich zustimmen, dass die Tantiemen, die man ausgezahlt bekommt, kaum im Vergleich zu der Arbeit stehen, die geleistet worden ist. Und trotzdem streiten alle anderen um die Prozente und die Gewinne. Jammern, wer wen über den Tisch zieht. Während Autoren feststellen, dass ihre Bücher nicht mehr lieferbar, oder nur verzögert lieferbar sind. Während Autoren überhaupt nur die Prozentspanne als Tantiemen erhalten, über die gerade so groß debattiert wird. Nachdem die Gebühren an Großhändler wie Amazon bereits abgetreten worden sind.
Vor ein paar Jahren hat die amerikanische Drehbuchvereinigung bessere Konditionen verlangt und ist dafür in den Streik gezogen, bis die Filmproduktion fast still lag. Ich frage mich, ob in Deutschland es auch durch alle Medien ginge, wenn Autoren kollektiv ein Prozent mehr verlangen würden. Aber die Idee lassen wir wohl besser gleich wieder unter den Tisch fallen …

Oh, Amazon. Du große Bedrohung. Vermutlich wärst du nie so groß geworden, wenn du nicht am Anfang mit Prämien gelockt, deinen Service ausgebaut, und den Kunden immer mehr Vorteile geboten hättest. Wie hätte das nur jemand anderes in den letzten sechszehn Jahren schaffen können?

Die große Erpressungsgeschichte von Amazon und wer alles die Chance nutzt, mal wieder zu jammern

7 Gedanken zu „Die große Erpressungsgeschichte von Amazon und wer alles die Chance nutzt, mal wieder zu jammern

  • 23. Mai 2014 um 14:54
    Permalink

    Tolle Artikel! Ich stimme Dir voll und ganz zu 🙂 Ich selbst gehe nur noch in Buchhandlungen, wenn die zufällig meinen Weg kreuzen, aber zu 90% werde ich dann noch enttäuscht. Da ist es doch echt kein Wunder, dass ich auch lieber bei Amazon kaufe…

    Lieben Gruß

    Rica

  • 23. Mai 2014 um 14:56
    Permalink

    Im Großen und Ganzen stimme ich dir zu. Amazon beherrscht den Online-Markt. Die Verlage vertreiben über diese Plattform wahrscheinlich eine ganze Menge. Das will Amazon jetzt nutzen – so ist der Markt. Was mich am ganzen Bashing immer ein wenig stört, ist, dass man eigentlich dem Kunden vorwirft, Kunde zu sein. Nicht Samariter, Retter oder Prinzipienreiter. Der Kunde kauft, wo er Vorteile hat. Menschlich. Wie viele Bücher würden wohl gar nicht erst verkauft, weil der Weg in die Buchhandlung doch weiter, die Parkplatzsuche aufwendiger und der Service frustrierend ist?

    Dein Beispiel mit dem Eistee finde ich übrigens sehr treffend. In anderen Handelsbereichen nimmt man die übliche Marktwirtschaft hin, der Buchhandel, so jedenfalls mein Gefühl, wünscht ausdrücklich eine Extrabehandlung – die er danke Preisbindung eh schon hat, aber das reicht noch nicht. Spielt da auch der Neid auf den Erfolg des bösens Amazons mit, weil man selbst so manche Entwicklung verpasst hat? Ich weiß es nicht. Ich gehe und kaufe gerne in der Buchhandlung. Aber wenn es praktischer ist, bestelle ich bei Amazon. Das mache ich nicht nur bei Büchern, sondern auch bei anderen Produkten so.

    Die jetzt genannte „Erpressungswelle“ finde ich nicht gut, aber ist es wirklich so dramatisch oder wird auch aufgebauscht? Man kennt aus dem Handel: Bei großen Mengen singt oft der Einkaufspreis – Amazon vertreibt große Mengen. Auf der anderen Seite ist Amazon auch bekannt für seinen Service: Bücher zu spät rausschicken oder irgendwann manche gar nicht mehr anbieten? Das kann sich Amazon meiner Meinung nach im großen Stil auch nicht leisten. Anders vielleicht als so mancher lokaler Händler, der je nach Gewinn manche Bücher prominent platziert, andere in der hinterletzten Ecke und wieder andere gar nicht erst vorrätig hat. Im lokalen Handel muss der Kunde dafür – nachvollziehbarerweise – Verständnis haben und bestellen, bei Amazon aber würde ich das nicht tolerieren. Edeka kann ein produkt vielleicht streichen, doch das ist doch der große Vorteil bei Amazon und Teil ihres Erfolges: Alles lieferbar und das noch vergleichsweise schnell. Daher sollten die Verlage hier vielleicht einfach mal die sprichwörtlichen „Eier“ zeigen und die Verhandlungen aussitzen.

    Bei anderen Dingen, wie etwa der Steuergerechtigkeit, ist meiner Meinung nach die Politik gefragt – Amazon nutzt Lücken, die es nicht geben müsste.

  • 23. Mai 2014 um 15:02
    Permalink


    Sarah O.:

    Bei anderen Dingen, wie etwa der Steuergerechtigkeit, ist meiner Meinung nach die Politik gefragt – Amazon nutzt Lücken, die es nicht geben müsste.

    Da hast du natürlich recht, aber ein Artikel, der alle Seiten Amazons beleuchtet, würde sehr viel länger werden… Generell würde ich Amazon nicht verteidigen. Steuerlücken und Arbeitsbedingungen – die Diskussionen hast du bestimmt auch verfolgt.

    Hier wollte ich eher darauf hinaus, was der Buchhandel versäumt hat. Sich beschweren, ist leichter als etwas zu ändern.

  • 23. Mai 2014 um 15:06
    Permalink


    Cornelia Franke:


    Sarah O.:

    I

    Bei anderen Dingen, wie etwa der Steuergerechtigkeit, ist meiner Meinung nach die Politik gefragt – Amazon nutzt Lücken, die es nicht geben müsste.

    Da hast du natürlich recht, aber ein Artikel, der alle Seiten Amazons beleuchtet, würde sehr viel länger werden… Generell würde ich Amazon nicht verteidigen. Steuerlücken und Arbeitsbedingungen – die Diskussionen hast du bestimmt auch verfolgt.
    Hier wollte ich eher darauf hinaus, was der Buchhandel versäumt hat. Sich beschweren, ist leichter als etwas zu ändern.

    Das am Ende war auch nur eine Randbemerkung. Bei dem Jammern statt Ändern stimme ich dir komplett zu.

  • 23. Mai 2014 um 17:04
    Permalink

    Unerwähnt blieb, das Autoren über Amazon ihre Werke Puplizieren (E-Book, Print) können.

  • 23. Mai 2014 um 17:16
    Permalink

    Amazon gilt in der deutschen Öffentlichkeit immer grundsätzlich als böse.

    Gut ist der Verlag a.k.a. Gatekeeper, der den schutzbedürftigen Leser vor handwerklich unsauberem und unliterarischen Dreck bewahrt. Gut ist Thalia & Co., egal, wie sie schlecht die Arbeitsbedingungen dort sind. Gut sind die kleinen Buchhandlungen, egal, ob sie beraterisch einen Mehrwert bieten oder nicht.

    Das deutsche Denken erscheint mir zu schablonenhaft. Alles hat Vor- und Nachteile.

    Meinen Vorredner(inne)n stimme ich uneingeschränkt zu.

  • 23. Mai 2014 um 20:52
    Permalink

    Hey Cornelia,

    Ein toller Artikel.
    Ich hab zwar keine Ahnung, was im Moment wieder los ist, da ich im Urlaub war, aber es ist mal wieder typisch. Ich persönlich habe in letzter Zeit fast keine Bücher gekauft, aber da ich gerne in englisch lese und bis vor einigen Jahren, bekam man keine englischen Bücher (außer zu überhöhten Preisen), kaufte ich auch viel bei Amazon. Man muss schon zugeben, dass es schon sehr praktisch und einfach ist, bei Amazon etwas zu bestellen. Auch eBooks gehen schnell und unkompliziert. Bei anderen Plattformen muss man immer umständlich über den PC gehen und kann das nicht direkt auf das Tablet oder den Reader laden. Das nervt dann auch etwas. Englische Bücher gingen früher fast nur über Amazon, was sich zum Glück mittlerweile geändert hat. Ich gehe gerne in Buchläden, um zu stöbern und mich inspirieren zu lassen.

    Wie ich nur letztens festgestellt habe, lese ich im Moment ziemlich viele Autoren ohne Verlag und bisher habe ich nicht versucht, die über die Buchhändler zu bekommen. Ich hatte so schon immer meine Probleme spezielle Bücher zu bekommen.

    Selbst mein Chef, der immer in eine Buchhandlung geht und über 70 ist, bestellt mittlerweile mehr bei Amazon. Irgendetwas müssen die ja richtig machen.

    Abschließend. Dein Artikel ist toll. Ich hoffe, dass der eine oder andere mal darüber nachdenkt.

    DANKE!

    Lg Mel

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