Dan Wells – Partials – Aufbruch

512 Seiten

Egmont IvI Verlag

ISBN-13: 978-3492702775

Inhalt: Den Krieg gegen die Partials, künstlich erschaffene Menschen, haben nur wenige tausend echte Menschen überlebt. Die 16-jährige Kira begibt sich mit einer Gruppe Verbündeter nach Manhattan, ein Gebiet, das die übermächtigen Partials beherrschen. Und dabei entdeckt sie, dass nicht nur die Menschen, sondern auch die Partials vor dem Untergang stehen – und beide mehr gemeinsam haben, als sie ahnten. Die letzten Menschen haben sich nach einer verheerenden Katastrophe nach Long Island, vor die Tore Manhattans, zurückgezogen. Die Partials, übermächtige Krieger, die einst von den Menschen erschaffen wurden und sich dann gegen sie wendeten, bedrohen die Überlebenden. Und eine unheilbare Seuche fordert ihre Opfer. Die sechzehnjährige Kira setzt alles daran, einen Weg zu finden, die Krankheit zu heilen. Doch dieser Weg führt sie nach Manhattan, mitten in das Gebiet der unheimlichen Partials. Und was sie dort entdeckt, wird nicht nur ihr eigenes, sondern das Schicksal aller Geschöpfe auf unserem Planeten verändern … (Quelle: Ivi Verlag)

Über den Autor: Dan Wells studierte Englisch an der Brigham Young University in Provo, Utah. Der überzeugte Mormone war Redakteur beim Science-Fiction-Magazin „The Leading Edge“. Mit „Ich bin kein Serienkiller“ erschuf er das kontroverseste und ungewöhnlichste Thrillerdebüt der letzten Jahre. Seine Romane um den jungen Killer John Cleaver sind große Erfolge. „Partials“, der Auftakt zu seiner neuen Young-Adult-Serie, eroberte den US-Buchmarkt im Sturm. (Quelle: IvI Verlag)

Cover: Das Cover hat mich sofort in seinen Bann gezogen; seit Erscheinungsdatum. Lange blieb mir dieses Buch im Gedächtnis, einfach aufgrund des Covers. Die Rot- und Schwarztöne schaffen eine mysteriöse Stimmung, die sehr gut zum Buch passt. Genauso spielen die Brücke und Manhattan eine große Rolle im ersten Band. Dazu finde ich im Nachhinein die Haltung der Figur super gewählt. Kira wendet sich vom Bekannten ab und bricht ins Ungewisse auf; in vielerlei Hinsicht gesehen.

Sprache:  Dan Wells schreibt flüssig und zog mich von der ersten Seite in die Geschichte. Dies kann natürlich am schockierenden Anfang liegen, aber der Sog hörte nicht auf. Rasant, tiefgründig – sogar die politischen Überzeugungen waren nachvollziehbar eingebaut. Alles im Roman las sich glaubhaft und war gut gewählt. Besonders die Beschreibungen der Zukunftswelt und die dafür gewählten Bilder trafen bei mir genau den Nerv. (Kira zum Beispiel verbindet Heimat mit Häusern mit Fensterscheiben. Tolles Detail.) Obwohl ich beim Lesen oft auf medizinische oder militärische Fachausdrücke traf, waren diese so im Text eingebaut, dass ich sie stets verstand. Sogar wenn Kira einige Versuchsreihen durchführt oder Theorien über RM aufstellt.
Auch die Figuren hoben sich alle in ihrer Sprache ab; besonders Samm, der Partial, auf dem man im Verlauf der Geschichte trifft.

Konstruktion der Gesellschaft: Partials spielt 2075, Jahre nach dem Zusammenbruch der Menschen. Jahre nachdem das RM-Virus 99,9% der Menschheit tötete. Kira ist eins der Seuchenbabies, die nur noch die Welt danach kennen. Alles andere ist eine verschwommene Erinnerung. Durch Kiras Augen lernt der Leser die kleine Kolonie auf Long Island kennen. Und ich muss sagen, Dan Wells hat eine düsterte, aber sehr gut durchdachte Zukunftsvision erschaffen. Dazu eine bis ins letzte Detail glaubhafte. Das totalitäre System von Senat und Militär, die absolute Kontrolle, welche zunächst nur als Überlebensmaßnahme wirkt. Beim Lesen man wird in diese Welt geworfen, man staunt, wie diese Menschen ihr Leben bestreiten. Bis sich ganz leise die ersten Zweifel regen und man mehr und mehr merkt, wie extrem in manchen Punkten diese Dystopie ist. So erging es mir zumindest.

Hängen geblieben ist diese eine Szene, in der Kira eine mechanische Uhr betrachtet und ihr sich nicht erschließt, welche Zeit diese anzeigt. Sie selbst kennt nur Digitaluhren und fragt sich, was wohl diese Stäbchen sind, wie das Wort für sie ist, weil „Zeiger“ untergegangen ist. Etwas Banales wie das Wort „Zeiger“. Es gibt noch viele andere kleine Beispiele, durch die diese Dystopie so überzeugend wirkt, Dan Wells streut sie über den gesamten ersten Band.

Das Schlimmste ist wohl das Zukunftsgesetz. Dies bestimmt, dass jede Frau ab sechzehn Jahren so oft schwanger werden muss wie möglich. Sie werden wie wahre Brutmaschinen gehalten, obwohl jedes Baby aufgrund von RM binnen den ersten Stunden stirbt. Einen Ausweg gibt es nicht, notfalls werden die Frauen unter Zwang künstlich befruchtet und vom Militär bis zu Niederkunft überwacht.

Ein Gesetz, das Abscheu und Mitleid und Zorn bei mir weckte. Dieses Gesetz ist das Hauptthema des Romans und Wells schafft es sehr gut, die Vor- und Nachtteile, die Konsequenzen und Risiken darzustellen. Jede Figur ist durch dieses Gesetz verbunden, zu viele sind davon betroffen. Kein Mädchen traut sich zu wehren.

Figuren: Innerhalb der Leserunde auf lovelybooks erklärte Dan Wells folgendes zu Kiras Figur:

„I love Harry Potter, but it always bothered me that Hermione was the smart, capable one who solved all the problems, and then Harry got all the credit. I wanted to write a book where Hermione was the hero.”

Dem kann ich nur zustimmen. Kira ist sympathisch, sehr klug (Virologe im Alter von sechszehn!), und eine starke Heldin, die sich nicht unterkriegen lässt und widersetzt. Sie muss Verluste einstecken, wird verraten und für anderer Leute Zwecke benutzt, aber sie bleibt sich und dem, was sie erreichen will, treu: RM heilen. Mit einem Feuereifer und einer Motivation sucht sie nach einer Heilung, man muss sie dafür lieb gewinnen.

Erstaunlich fand ich, dass Samm, der Partial, in vielerlei Hinsicht menschlicher wirkte als die meisten Menschen. Das fiel mir immer wieder auf, obwohl er so verschlossen und einsilbig war. Lustigerweise mochte ihn bald mehr als Marcus, Kiras festen Freund. Ich bin ja gewiss nicht die Leserin, die auf Liebesgeschichten pocht, aber irgendwann gesellte sich das zarte Stimmchen mit „Wähl Samm! Samm ist die bessere Wahl!“ in meinem Kopf. 😉 Vielleicht weil Kira und Samm sich so ähneln, in ihrem Wesen, ihren Wünschen. Ganz anders als Marcus, der zufrieden in der Kolonie war und sein persönliches Glück über das aller gestellt hätte. Bei Kira und Samm ist es genau anders herum.

Auch bei den Nebenfiguren zogen sich Sprache und Verhalten konsequent durch. (Besonders die Soldaten der Abwehr, sehr typisch, richtig gut gezeichnet.) Selbst ihre Wandlungen waren begründet oder wurden durch Wendungen innerhalb der Geschichte hervorgerufen. Super fand ich, dass jeder von unterschiedlichen Träumen und Überzeugungen angetrieben war. So trafen immer sehr verschiedene Standpunkte aufeinander, die die Themen wie das Zukunftsgesetz, die Partials oder eine mögliche Rebellion völlig anders beleuchteten.

Und der Senat! Was für Mistkerle das sind! Ich hatte es von Anfang an vermutet. 😀

Lob und Kritik: Kiras Entwicklung und das Verständnis des Lesers über die Kolonie von Long Island verlaufen parallel. Zunächst loyal gegenüber dem Gesetz und dem Senat, der nur das Beste für die Überlebenden will. Voller Hoffnung, dass eines Tages doch noch eine Veränderung eintritt, und ein Heilmittel für RM (das zweite Hauptthema neben dem Zukunftsgesetz) gefunden wird. Je mehr der Leser über Kiras Welt erfährt, desto stärker werden ihre Zweifel, bis ein Ereignis in innerhalb ihrer Familie den Auslöser birgt. Ab da wird sie sozusagen zur Rebellin. Sie stellt sich über das Gesetz, weil sie nicht mehr hoffen will. Nur wenn sie jetzt handelt, kann sie auch eine Veränderung bewirken. Diese Entwicklung hat mir persönlich sehr gut gefallen. Auch wie fest Kira an ihre Werte und Überzeugungen glaubte, egal, ob sie Menschen oder Partials gegenüberstand.

Interessant war es herauszufinden, dass die Partials in keiner besseren Gesellschaft leben als die Menschen. (Auch wenn hier noch einiges im Dunkeln blieb.) Der Konflikt zwischen den Supersoldaten und der Menschheit entspinnt sich über die Seiten und irgendwann war ich mir wirklich nicht mehr sicher, wer die Guten und die Bösen waren. Scheibchenweise enthüllte sich Kira die Wahrheit und am Ende stand ihre Welt (und auch meine beim Lesen) völlig auf dem Kopf. Dadurch, dass dies nicht plötzlich, sondern ein schleichender Wandel war, hat es mir sogar noch mehr gefallen.

Der letzte Part des Buchs las sich nicht mehr so gut. Er wirkte hastig und die Beschreibungen hielten nicht mit den bisherigen mit. Die letzten Seiten fliegen zwar dahin, es passiert unglaublich viel, aber der Lesegenuss fehlte dabei.

Ich weiß nicht, ob folgender Punkt wirklich Kritik ist oder ob ich mir zu viele Gedanken beim Lesen mache. Jedenfalls gibt es eine Szene in der Kira nicht sich selbst, sondern ihrem Freund Marcus Blut abzapft, um dieses zu untersuchen. Es gibt keine Begründung dafür, warum sie sich für ihn und nicht für ihr eigenes entscheidet. Diese Frage hat mich nicht losgelassen und im Nachhinein weiß ich, dass sie dies gar nicht konnte. Denn hätte Kira ihr eigenes Blut untersucht, wäre der Roman schon nach 100 Seiten zu Ende gewesen. Dieser Punkt wurmte mich immer noch.

Zusammenfassend: Dan Wells bietet mit „Partials – Aufbruch“ einen überzeugenden Auftakt zu seiner neuen Trilogie mit nur kleineren Makeln. Daher vergebe ich vier von fünf möglichen Sternen. Abschließend bedanke ich mich noch einmal beim Verlag und bei Lovelybooks, dafür, dass ich bei der Leserunde teilnehmen durfte.

Ich freue mich jetzt schon auf Band 2, im Englischen „Fragments“, der im nächsten Frühjahr erscheint.

Weitere Informationen zum Buch findet ihr auf der Verlagsseite.

Rezension : Dan Wells – Partials I – Aufbruch

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