Tag 3 – 18.03.2011

Im Gegensatz zu meinen Bekannten habe ich richtig gut geschlafen. Abgesehen von meinen Schulterschmerzen, die aber vom Brocken meiner Tasche herrühren, den ich mit mir schleppe. Entgegen aller Erwartungen ging das Chaos weiter. Die Leipziger Verkehrsbetriebe sind genauso schrecklich wie die Taxifahrer. Obwohl ich zu meinem Fachbesucherausweis (Dauerkarte) den MDV-Part gebucht habe, wurde mir in der Tram 16 (Messegelände Richtung HBF) ein Knöllchen verpasst. Begründung: Man darf dieses Ticket nur für Fahrten zur und von der Leipziger Messe benutzen. Wobei ich davon ausgegangen bin, dass man dabei den Ort der Messe meint. Die Verkehrsbetriebe gehen aber von der Zeit aus! Da ich für meine Lesung in der Mittelschule 16 am Messebahnhof startete, sah ich mich auf der sicheren Seite. Leider war es halb neun Uhr morgens und mein Kontrolleur sah keinen Grund, warum ich mich auf dem Rückweg von der Messe befinden sollte. Am liebsten hätte ich dem werten Herrn eine gescheuert, aber Gott sei dank hatte ich die Hände voll mit meiner Tasche und meiner Dauerkarte.

Ach herrje, die Veranstaltung „Leipziger Buchmesse“ geht ja vom 17-20.3; ohne gewisse Uhrzeiten! Abzocke, nenne ich das. Abzocke, weil die Verkehrsbetriebe ganz genau wissen, dass Autoren und Verlagsvertretungen durch die Stadt zu ihren Terminen fahren. Wahrscheinlich fuhren deswegen auch die Taxis so konfus. Damit man in der Tram zur Kasse gebeten wird …  Meine Laune besserte sich auch nicht gerade, als ich genötigt wurde mir ein Tagesticket nach zu kaufen und dank Wegbeschreibungen alter Leipziger Damen in die Irre geführt wurde. Anstatt meines Spaziergangs um die Blocks hätte ich auch einfach rechts abbiegen können. Aber man gibt sich ja professionell und lässt sich nichts anmerken. Schließlich war ich zu einer Lesung eingeladen und diese sollte den Schülern doch Spaß bereiten!

Die Mittelschule 16 erinnerte mich an ein paar alte, katholische Gymnasien, die ich in Düsseldorf gesehen habe, und sie verschmolz wieder einmal perfekt mit dem Wohngebiet. Ich bin es nicht gewohnt, solche Schulen zu erkennen. Mein altes Gymnasium liegt mitten im Nichts und es gibt nur einen Weg dorthin. Ich bin ziemlich hoffnungslos im „Schulen aufspüren“.

Meine heutige Verlagsvertretung, Frau Esselborn, und ich haben im Lehrerzimmer gewartet, bis man uns zur Klasse 6a führte. Es erstaunt mich immer wieder, die Unterschiede in der Entwicklung von Kindern zu sehen. Die sechste Klasse gestern wirkte wie eine Gruppe aus Fünfzehnjährigen. Die Klassen heute war sehr lieb und aufmerksam. Während ich las, stützten sie die Köpfe auf die Hände, beobachteten mich ohne Pause und lauschten. Als würde ich sie in eine andere Welt führen, wenn ich meine Zeilen vortrage. Sie es sich geradezu wünschen, dass man ihnen wieder etwas vorliest.

Die Berufe waren wieder kunterbunt zusammengewürfelt:  Extremsportler, Zahnarzt, Bürokaufmann, Reisekaufmann, Nageldesignerin, Vorkoster, Verbrecher. Ja, genau. Da habe ich wohl etwas mit meinem Bettler angerichtet. Ich frage mich, wann ein Kind den Faulenzer vorschlägt? Ein Junge war besonders mutig, und erzählte, er wäre gerne Archivar, was bei den meisten auf Unverständnis stieß. Dabei mochte der Junge einfach nur Geschichte. Dieses Mal richtete sich die Fragerunde auch an meine Verlagsvertretung, was eigentlich ganz angenehm war. Ich weiß, ich bin eine Quasselstrippe, aber zuhören tut manchmal einfach gut.

Während wir uns auf den Weg zur Buchmesse machten, grübelte ich, wie mein zweiter Blumenstrauß den Tag heil überleben würde. Letztendlich wurde er für ein paar Stunden als Deko beim VIP-Bereich von werk-zeugs.de umfunktioniert. Aber ich greife vor. Zunächst bin ich zu diesem VIP-Bereich gehetzt. Ich war einfach nur glücklich, einen Weg durch die überfüllten Gänge zu finden und meine Sachen abwerfen zu dürfen. Und dann gab es das „Goodie of the day“: Mein Lanyard mit dem VIP-Ausweis. YEAH! 😀 Ich hoffe, ich habe mir nicht anmerken lassen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe …

Ein Bekannter fand mich in diesem Bereich und wir haben kurz über die Absperrung – eine schmiedeeiserne Kette – gequatscht. Bis er auf einmal ganz hibbelig wurde und unauffällig auf dem Mann neben mir wies. Ehrlich gesagt, keine Ahnung, was los war. Der Mann war größer als ich, hatte einen seltsamen Bart und war schwarz gekleidet. Doch da raunte mein Bekannter: Markus Heitz.

Der richtige Gedanke rastete ein. Ich stand neben Markus Heitz – mein Bekannter liebt seine Bücher. Er schwebte gefühlt im Fanhimmel und ich habe Herrn Heitz erklärt, dass ich ihn gar nicht erkannt hatte. Das war einer dieser Momente, in dem mir bewusst wurde: Hey, du bist jetzt Autorin. Als ich neben Markus Heitz auf der anderen Seite der Absperrung stand und mich mit ihm über Lesungen unterhielt. Er gab mir sogar Tipps für meinen Auftritt auf der Fantasy-Insel! An dieser Stelle möchte ich mich noch herzlichst einmal bedanken!Leseinsel - fotografiert von Jan Langbein

Im Übrigen hat er es mir nicht krumm genommen, dass ich ihn nicht erkannt habe. Fast klang es so, als sei es alltäglich für ihn.

Der „Schreckliche Sven“, ein 2,05 Meter großer Kerl, der sich um die Autoren kümmert, führte mich dann auch schon zur Leseinsel. (Das ist ein Bereich in Halle 2, der sich Sitzwürfel aufteilt und einem Sessel mit Standmikro für die Autoren.) Ich bin ganz brav hinter Sven hergelaufen – er teilte die Menge, wie Bruce im Film „Bruce Allmächtig“ die Tomatensuppe 😉 – und habe meinem Platz eingenommen. Da schlug aber schon wieder das Chaos zu. Statt 30 Minuten sollte ich nur 25 Minuten Zeit zum Lesen haben. Vorbereitet hatte ich 28. Gut, Plan A war schneller zu lesen. Das ging leider nicht, weil mit jeder Minute mehr und mehr Kinder erschienen, die alle zuhören wollten. Plan B: die BMUF. Das ging leider auch nicht, da ich ja den Kindern ein tolles Erlebnis bereiten wollte. Ob das mit Steuerbeamten möglich sein würde?

Hin und her, vor und zurück – Ich habe einfach die Parts gelesen, die ich vorbereitet habe. Oder eher zwei von dreien, bis Sven mich unterbrach. Ich hatte wirklich nicht mit diesem Ansturm von Zuhörern gerechnet. Vielleicht mit fünfzehn, aber die Leseinsel war gerammelt voll! Sogar zwei Schulklassen waren extra zu meiner Lesung gekommen! Aber das Beste war: Selbst wenn hier und dort einige aufstanden, die freien Plätze füllten sich sofort wieder! Ein paar Kinder saßen sogar an der Wand neben mir! 😉

aufgenommen von Felizitas Monforts
aufgenommen von Felizitas Monforts

Meine Versprecher hat man zum Glück nicht bemerkt. Genauso wenig, dass ich beim Lesen überlegt habe, welche Absätze ich wegfallen lassen muss, um auf 25 Minuten zu kommen. Gut, dass ich das erste Kapitel mittlerweile auswendig kann. Die Lesung verlief sagenhaft, bis auf eins: Vor mir saßen jede Menge Kinder, die Gummibärchen, Kekse, Schokolade aßen. Nichts ist schlimmer, als Süßigkeiten rascheln und knistern zu hören, wenn einem der Magen knurrt. 🙁

Warum Kinder auf unterschriebene Lesezeichen abfahren, bleibt mir ein Rätsel. Umsomehr freute ich mich über die Schüler einer Lese-AG, die sich eine Widmung für ihre Schule wünschten. Dort steht Timmy ab sofort in der Schulbücherei.

Wer glaubt, nach der Lesung wurde es ruhiger, verfehlt. Ich stieß auf Sinje Blumenstein, die ich zwar aus dem Internet kannte, aber nie live gesehen hatte. Ihr T-Shirt zur Laubkönig Anthologie hätte mir eigentlich den entscheidenden Hinweis geben sollen. Aber sie war nicht die Einzige, die ich an diesem Tag nicht erkannte. Denn auf einmal erkannten die Leute mich! Plötzlich schallte es aus allen Ecken „Sie müssen Frau Franke sein“ oder „Frau Franke, …“ – Unheimlich. Wirklich. Mein Personengedächtnis ist schlecht, aber sich ständig zu fühlen, als leide man an Namensalzheimer, bringt einen schon durcheinander.

Nach all diesen Terminen und Lesungen hatte ich doch noch ein bisschen Freizeit, um einen Bekannten, der für meinen Auftritt auf der Leseinsel extra angereist war, über die Messe zu führen. Zumindest musste er sich damit zufrieden geben, dass ich ständig Lesezeichen und Flyer auslegte; diese auf Bänke, Treppen, und sonstigen freien Stellen drapierte.  Am liebsten hätte ich einfach Sophie Scholl gespielt und all meine Zettel von einem der erhöhten Übergänge geworfen. Aber das hätte die Messeleitung wohl nicht so gut gefunden …

Am heutigen Tag habe ich auch die auffälligsten Werbemaßnahmen entdeckt.

http://www.corneliafranke.org/wp-admin/post.php?post=1332&action=edit&message=1

Platz 1# : Am Morgen habe ich beobachtet, wie zwei Frauen 1-Cent-Stücke über das Gelände der Buchmesse verteilten. Auf meinem Rückweg habe ich noch welche gefunden und diese entpuppten sich als pfiffige Idee von „neuebuecher.de“.http://www.corneliafranke.org/wp-admin/post.php?post=1332&action=edit&message=1

Platz 2# : Da die meisten Cosplayer wohl erst am Samstag anreisen, zog diese Geisha sehr viele Blicke auf sich. Vielleicht lag es auch am blauen Schirm. Ich zumindest habe keinen anderen auf der Messe entdeckt. Passend zu den Chillis im Haar machte die Dame Werbung für die Lyrik – Anthologie „Chilli für die Venus“.

Tag 4 – 19.03.2011

Kein Zweifel. Ich bin Buchmesse-süchtig. Ich gebe es zu und wünsche mir einen Vermerk auf meinem nächsten Personalausweis. Mit jedem Schritt in Richtung Eingangshalle, wurde mir leichter ums Herz. Der Messeturm, die seltsame Rose (dessen Funktion ich nicht kenne), die bekannte Form des Gebäudes. Würde ich sonst bei jedem Wetter dorthin laufen, bis die Füße schmerzen? Wohl kaum.  Eisiger Wind, unbeständiges Nebelwetter, und Regenschauer halten mich nicht ab. Auch wenn der Sonnenschein am Samstag deutlich angenehmer war.

Ihr wisst doch, Murpheys Gesetz: Wenn ich keine fünf Stunden mehr in Leipzig verweile, kommt das schönste Frühlingswetter zum Vorschein. Andererseits gut für die Buchmesse. Die Menschenmassen waren wieder einmal gewaltig. Oder mit anderen Worten: Vollgestopft, sodass ein Forwärtskommen kaum möglich war.

ZDF und KIKA hatten sich bei Papierfresserchen angemeldet und viele Autoren erschienen, um zwei unserer jüngsten Kollegen zu lauschen. Wir Autoren von Papierfresserchen haben uns ausgetauscht und irgendwie waren alle sehr interessiert daran, wie ich meine Lesereise durch Brandenburg organisiert habe. Berlin und seine Bevölkerungsdichte sind schon eine tolle Sache. 😉 Ich habe mich gefreut die Menschen hinter den Buchcovern zu treffen; sich über Erfahrungen auszutauschen.

An Tag 4 habe ich nichts Berauschendes erlebt. Ein ganzer Haufen Cosplayer ist mir unter die Augen gekommen. Wer hätte gedacht, dass so viele Fans sich als Mitglieder von Akatsuki (die Bösen) verkleiden? Lightning aus FFXXIII, Mario & Luigi & Peach, Slytherins, Altair (Assassins Creed) und den Cast von „Das letzte Einhorn“ habe ich entdeckt.  Aber irgendwie empfand ich die Kostüme letztes Jahr aufregender.

Ansonsten habe ich mich damit beschäftigt, meine restlichen Flyer und Lesezeichen auszulegen. Liebe Damen, für die lila Zettel auf den Bänken der Toiletten war ich verantwortlich. 😉 Nachdem der „Transportmittel-Fluch“ mich jedoch während dieser Reise befallen hatte, war ich schlussendlich nur noch froh, nach Hause zu fahren. Ohne Info/Werbematerial in den Taschen, mit vielen neuen Visitenkarten und dem wohligen Kribbeln, dass ich in weniger als einem Jahr der Wahnsinn Buchmesse erneut beginnt.

Bericht Leipziger Buchmesse – Teil 2

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