Am 4.11.2011 fand meine erste Abendvorlesung statt. Die Victor Gollnacz Schule in Berlin – Frohnau hatte zum literarischen Nachmittag geladen und diesem Ruf bin ich gern gefolgt. Auch wenn es relativ umständlich war, raus nach Frohnau zu fahren. Wie jeden Herbst/Winter, ist Reinickendorf eine Dauerbaustelle, da der Bezirk alle übrig gebliebenen Gelder in die Straßensanierung steckt. (Überschüsse werden sonst im nächsten Haushalt gekürzt – das ist Berlin.) Daher war es vollkommen gleich, welchen Umweg ich eingeschlagen hätte, Sperrungen, Fahrbahnverengungen und Feierabendstau gab es einfach überall.

Schließlich habe ich es doch geschafft anzukommen, sonst würde ich diesen Bericht hier ja nicht schreiben. 😉 Im Übrigen staunte ich immer mehr, je näher ich mich den Ziel näherte. Ich wusste, dass Frohnau eine der reicheren Gegenden in Berlin ist, aber dass ich praktisch durch einen dichten Wald mit geschätzt hundert Jahre alten Bäumen und beindruckenden Villen fahre, war unerwartet. Dreifamilienhäuser waren eher eine Seltenheit.

Der Nachmittag sollte so ablaufen, dass zunächst ein Autor für die kleineren Klassen vorliest, eine Pause, sodass Timmy und die Allergomörder dann die älteren Schüler und deren Eltern unterhalten können. Eigentlich. Als ich zur verabredeten Zeit erschien, um mich noch mit der Leiterin der Veranstaltung auszutauschen, las der erste Autor immer noch. Er hat – ganz spontan – an seine erste Lesung für die jüngeren Klassen eine zweite für die älteren drangehängt! Im Sinne von ‚Wenn ihr schon mal da seid, dann‘ … Empfinde nur ich das als dreist? Mal abgesehen davon, dass einige Zuhörer überhaupt keine Pause hatten, die Mediothek nicht gelüftet werden konnte, und die Kinder nach knapp zwei Stunden eine gewisse Hyperaktivität an den Tag legten? (Obwohl ich um fünf Uhr nachmittags ich mir als Kind auch Besseres vorstellen konnte, als nur zuhören.)
Die Lesung wurde im Übrigen zehn Minuten vor meiner zwangsbeendet.

Aber ich bin ja ein ruhiger, ausgeglichener Mensch – so sage ich mir das in diesen Situationen immer. Daher bin ich mit einem Lächeln in die Mediothek geschritten und habe mir den Raum angesehen. Die Vorhänge waren zu gezogen und mit dem gedämpften Licht wirkte die Atmosphäre wirklich kuschelig. Stuhlreihen waren im hinteren Teil des Raumes aufgebaut, weiter vorne konnten die Schüler auf kunterbunten Kissen sitzen, mit ihnen kuscheln oder sie als Schleuderwaffe missbrauchen – ich habe so ziemlich alle Varianten gesehen.

Ich habe kurzer Hand mein Tischchen weggestellt, da die Kinder sowieso bis zu meinen Füßen herangerutscht waren. Ich kann nicht sagen, warum. Mir kam plötzlich die Eingebung, dass ohne diesem sperrigen Objekt aus Holz und Metallbeinen, ich viel näher an die Kinder herankommen könnte. Die Lehrer warnten mich zwar, dass sie mir „auf den Schoss krabbeln“, aber so konnte ich ihnen allen in die Augen sehen. Am liebsten hätte ich mich ja zu ihnen auf den Boden gesetzt! 😀

Die Kissenzone, wie ich sie für mich taufte, war gerammelt voll und ich freute mich, auch die 5b vor Ort zu sehen. Oder wie sagte ein Mädchen: „The line of the 5b“, auf den Tischen an der Regalwand sitzend. Besagte Klasse würde ich am 10.11 zu einem Schreibworkshop wieder sehen und ihr Lehrer hatte ihnen die Hausaufgabe erteilt, mich schon mal im Zuge der Lesung kennenzulernen. Es erschienen sogar alle. 🙂

Der erste Part der Lesung (bis Timmy und Korbe beim Blumenladen ankommen) verlief gut, doch unterlief mir ein strategischer Fehler. Ich habe bemerkt, oder besser das Rascheln der Kinder auf den letzten Seiten gehört. Sie rutschten hin und her, drehten ihre Kissen, ärgerten ihre Nachbarn. Daher dachte ich, ich gebe ihnen eine kleine Pause und lasse sie sich wieder bewegen. Fehler. Gravierender Fehler! Denn – WUSCH – da rannten sie zur Tür, weil die Schüler dachten, die Lesung wäre zu Ende und man könnte endlich Kuchen in der Caféteria essen. Gleichzeitig rannte ein Haufen mir entgegen, rief Fragen durcheinander und bat um Autogramme.

Mit Hilfe der Lehrer (eine Dame konnte Pfeifen wie eine Sirene) haben wir sie wieder auf die Plätze bekommen, aber von da an gab kein Halten mehr. Selbst die kleinen Tricks, die ich mir bei meinen Lesungen von Lehrern abgeschaut habe, haben nicht geholfen. Das war der Moment, in dem ich mich ziemlich verzweifelt und hilflos gefühlt habe. Ich meine, Eltern waren anwesend, die sich bestimmt beim langsamem (für die u.a. vierte Klasse gerechtem) Lesetempo gelangweilt haben. Und dann ist mir der Ablauf der Veranstaltung auch noch entglitten …

Ich griff zum letzten Ausweg und habe ich einfach so laut wie möglich vorgelesen. Es dauerte keinen Absatz und sie waren wieder ruhig. Mal wieder was gelernt. Wenn Kinder Interesse haben, mach einfach weiter, sie hören dir von allein zu. Dennoch musste ich abkürzen, sodass der dritte Part und die Fragerunde ausfielen. Denn kaum hatte ich mein Vorlesebuch zugeklappt, begann das Klatschen und eine hüpfende Meute umzingelte mich, die fröhlich „Autogramme, Autogramme“ sang.

Zum Glück griffen in diesem Moment die Lehrer ein, die erklärten, dass der Glienicker Büchertisch in der Mensa mein Buch verkaufte, und dass ich dort auch signieren würde. WUSCH – weg waren sie. Drängelnd, schubsend und hyperaktiv. Ich atmete also einen Moment durch und sammelte meine Sachen ein, bevor ich mich in die Mensa im Erdgeschoss begab. Sobald ich die Tür durchschritt, umringte mich eine Traube aus Kindern. Das Komische daran war jedoch, dass ich die Autogramme schrieb und schrieb, mich nach den Namen erkundigte und gefühlte fünf Minuten später war die Mensa wieder leer, fast ausgestorben. Zeit ist manchmal eine seltsame Sache, besonders weil ich weiß, dass ich neun Widmungen in Timmys geschrieben habe und um die dreißig Autogramme.

So fand eine anstrengende, chaotische und doch überraschend schöne Lesung ihr Ende. Schön, weil ich mir am Ende sagen konnte, du hast es doch geschafft, die Kinder zu begeistern. Und natürlich habe ich mich riesig gefreut, über den Blumenstrauß, der so hoch war wie mein Oberkörper, die gewaltige Balsen Keksdose und den Büchergutschein, den ich zum Dank erhalten habe. Ich bin schon fleißig am überlegen, welche Bücher ich mir davon leiste. 😉

Ach, falls sich jemand gefragt hat, wo die Fotos geblieben sind. Es war zu dunkel für ein ordentliches Bild vom Gebäude, das füge ich nach. Dazu haben die Lehrerinnen der Grundschule während der Lesung geknipst und bisher habe ich die Fotos noch nicht erhalten.

 

Autogramme, Autogramme, Autogramme!

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