Mai 6 2011

Wolkenbruch, lebende Literatur und eine Irrfahrt durch Ostprignitz-Ruppin

Ich dachte, meine Schulzeit sei vorbei? Ich dachte, ich hätte mein Abitur längst hinter mir? Warum fühlte sich dann das erste Aufstehen nach den Osterferien noch genauso schlimm an? Es bleibt wohl immer eine quälende Erfahrung, wenn am Montag nach den Ferien der Wecker klingelt. Dazu kam, dass der Mai seine bestechenden Eigenschaften vergessen hatte. Wärme und Sonne. Seit Beginn meiner Fahrt nach Rhinow verfolgten mich dicke graue „Independence Day“ – Wolken (falls man sich noch an den Film erinnert) und es schüttete, es hagelte, die Sonne tauchte kurzzeitig auf. Es schneite! Ja, wirklich. Als ich in Rhinow in meine Parklücke gerollt war, rieselten es weiße Flocken vom Himmel. Ich hätte gerne ein Beweisfoto gemacht, aber meine Kamera befand sich in der Tasche im Kofferraum. Aus unempfindlichen Gründen wollte ich mich nicht von meiner Heizung trennen.

Rhinow war ein überschaubares Örtchen in der Nähe von Neuruppin und Wusterhausen / Dosse. Wenn man die Tankstelle, die Volksbank und den Euronicsladen gefunden hat, hat man eigentlich alles gesehen. Die Lilienthal Grundschule war in einem alten Gebäude ansässig, das mich sofort an eine alte Dorfschule denken ließ. Die Treppen knarzten, Blümchenvorhänge zierten die Fenster und wenn man die Treppe zur Dachetage erklomm, begrüßte einem die Dachschräge. Dafür waren die Gänge umso bunter geschmückt mit Fotos von Ausflügen, Berichten und Beiträgen der Zirkuswochen und jede Menge Bilder. Ein paar Stillleben haben mich fast vor Neid erblassen lassen.

Überrascht war ich jedoch von den vielen großen (und auch toten) deutschen Schriftstellern, die mir in den Klassen entgegen blitzen. Die fünften Klassen führen Szenen aus Goethes Faust als Theaterstück auf, Fontane wird noch gelesen und Novalis‘ Weisheiten prangten an den Wänden. Ich war … recht … sprachlos. Zu meiner Schulzeit haben wir uns immer gegen diese „alten Schinken“ gewehrt, aber die Schüler in Rhinow schienen ganz versessen darauf zu sein.
Die erste Lesung fand vor den beiden sechsten Klassen statt. Zusammen waren es kaum 30 Kinder, dieses stellte sich als eine gemütliche Veranstaltung heraus. Die Schüler waren etwas unruhig, aber an meinem ersten Tag nach den Ferien hätte ich auch lieber mit meinem Nachbarn gequatscht, als still zuzuhören … Wenn man die Unruhestifter auseinandersetzt, funktioniert es meist; ohne weitere Konsequenzen. Bei meinen ersten Lesungen hätte ich mich gar nicht getraut, Kinder umzusetzen oder welche vor die Tür zu schicken, weil sie dreisterweise vor meine Nase stören und andere ebenso anstacheln. Aber mittlerweile schon. Meine Besuche sind meist nur eine Schulstunde lang und ich persönlich empfinde es schade, wenn die Lesung für die Klassen kein schönes Erlebnis wird, weil man eine Ewigkeit auf die Einkehr der Ruhe wartet.
Als Berufswünsche stellten sich heraus:

  1. Gabelschleifer und Laternenauspuster – ob sie das in sechs Jahren wohl auch noch machen wollen?
  2. Archäologinnen und ein Archäologe mit einer Spezialisierung für Ägypten
  3. Titanic – Erforscher
  4. Mafiaboss
  5. Maler und Verputzer
  6. Auftragskiller
  7. Und die heiß begehrten Karrieren als Model, Reitlehrerin und Tierpfleger

Für die zweite Runde wechselte ich in den Neubau und wurde sogleich mit einem weiteren Novum konfrontiert: Timmy als Unterrichtsstoff. Die Klassenlehrerin besprach die Erwartungshaltung, die der Titel auslöste. Die Schüler mussten abwechselnd die erste Seite der Leseprobe vorlesen. Erst dann setzte ich ein; alles war fest eingeplant. Da die Klassenlehrerin äußerst engagiert war, ihren Schülern Literatur näher zu bringen, schlug sie mir vor, ob ich nicht mit den Kindern eigene Geschichten schreiben könnte. Als gelungene Abrundung und auch als Gelegenheit, diese mithilfe eines Autors zu verfassen. Zu meinem Glück habe ich schon vor Wochen meinen Workshop für Ende Mai geplant und so musste ich mich nur an die einzelnen Punkte erinnern. Okay, es war improvisiert, ohne Material und ich musste mich anstrengen, mich nicht komplett zu verrennen. Daher beschränkte ich mich darauf, was eine Geschichte ausmacht, was die Grundpfeiler sind und ging dann rasch über, die Schülerideen zu sammeln. Die Kinder waren unglaublich kreativ! Von einer Elfenliebesgeschichte (à la Romeo & Julia mit Happy End), einem Jungen, der mit Schulproblemen zu kämpfen hat und bis zu einer neuen Episode von Roadrunner & Coyote war alles dabei. Als Hausaufgabe sollen die Schüler ihre Geschichten zu Ende schreiben und die Lehrerin schickt sie mir dann netterweise per Email zu. Ich bin schon gespannt. 🙂
Leider habe ich keine Fotoberechtigung erhalten und hoffe ich kann dies mit ein paar Infos zur Region wettmachen. Ich bin durch viele, viele Dörfchen gefahren, deren Namen ich mir nicht ansatzweise merken konnte. Aber das Rhin – Dosse – Luch besticht mit seiner Natur und dem Charm seiner kleinen Ansiedlungen. Auch wenn ich so gut wie keine Menschen gesehen habe – woran das Wetter wahrscheinlich schuld war – bin ich doch auf einige Dinge gestoßen. Zum ersten Mal bin an ‚Vorsicht Kühe‘ – Schildern vorbeigefahren. Dass Rehe gerne die Fahrbahn überqueren, ohne auf den Verkehr zu achten, wusste ich. Aber Kühe? Okay …
In der Region existiert tatsächlich ein Flüsschen, das ‚Neu-Amerika‘ heißt. Für mich Auswirkung einer Zuwandererwelle von Amerikanern nach Brandenburg. In Sieversdorf (zwischen Rhinow und Neustadt) kann man gut erhaltene Ernhäuser besichtigen. Diese besitzen eine spezielle Bauweise (Stallhäuser), die im Mittelalter für die Mitte Deutschlands typisch waren. Ich bin an einer Filmtierschule vorbeigefahren! Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt eine Deutschland gibt, schon gar nicht in Brandenburg. Daher schaut euch doch mal die Internetpräsenz an. Die vielen Fotos der Produktionen, Werbungen und Aufnahmen mit Schauspielern sprechen für sich! http://www.filmtierschule-harsch.de/

Und überall blühte der Löwenzahn so wie hier:

Mai 3 2011

Gibt es denn gar keine Hamburger mehr in Hamburg?

Meine Reise nach Hamburg versetzte mich in einen Drei-Generationen-Konflikt, der mir wieder einmal zeigte, wie schnell die Zeit verfliegt und wie viel, viel schneller die Welt sich wandelt. Aber vielleicht sollte ich am Anfang beginnen; das wäre doch was:

Ja, ich weiß, meine derzeitige Frisur macht mich jünger; unbeabsichtigt. Ja, ich weiß, mein Pressefoto ist jetzt gut ein Jahr alt, und damals trug ich nicht meine Brille. Aber das alles ist kein Grund dafür, was mir am Dienstagmorgen des 19. Aprils geschehen ist. Mein Taxifahrer, der mich zum Hauptbahnhof bringen sollte, fragte mich doch glatt: „Kommen deine Eltern noch mit? Oder reist du alleine?“

HALLO?! Ich bin einundzwanzig … 🙁

Das war auch meine Antwort, relativ gereizt sogar. Noch während ich meinen Koffer ins Auto hievte, stand eins fest, ich werde meine Haare wieder wachsen lassen. Lang. Ganz lang! Den Frust bekämpft habe ich dann durch einen extragroßen Becher Kaffee am Bahnhof, während eine verrauschte Stimme irgendetwas über die Lautsprecher verkündete. Ich nahm mir vor, die Dinge positiv zu sehen. Dank zwei Päckchen Zucker war ich wach und aufnahmebereit und trotz der Streiks der Privatbahnen hatte mein ICE keine Verspätung.
Doch wie sollte es auch anders sein, bin ich am falschen Ende meines Abteils eingestiegen und musste mich mit meinem Rollkoffer durch die Menge der Mitreisenden kämpfen. Mittlerweile kenne ich eine simple Regel: Kleiner Koffer hat vor Kofferlosen Vorfahrt, kleiner Koffer steckt wiederum vor großem zurück. Die ganze Reise lang war ein Unikum. Oder ich einfach die Einzige in meinem Abteil, deren Augen nicht an Laptop, IPad und Co klebten. Dank wichtiger Emails, Zeitunglesen am IPad und dergleichen achtete niemand auf die Umgebung und so fiel nur mir auf, dass aus der Tasche eines Zugestiegenen gleich das Portemonnaie herausfiel. „Sie haben ja eine scharfe Beobachtungsgabe“, sagte dann zwar mein Sitznachbar, doch alle Blicke richteten sich wieder auf die elektronischen Geräte. Der Mann mit der offenen Tasche hat sich nicht mal bedankt.
Dazu – oh mein Gott – las ich ein Buch. Gebunden und mit Seiten versteht sich, kein E-Book. 😉

In Hamburg scheint es keine Hamburger mehr zu geben. Ich habe versucht, mich nach einem Ticketautomaten durchzufragen und nach der Haltebucht meines Busses. Ich traf auf die halbe Republik, aber auf keinen Hamburger – zum Glück gibt es noch DB – Angestellte. Die Leute der GDL, die sich für ihren Streik versammelten, habe ich lieber in Ruhe gelassen. Aber selbst in Hamburg Rahlstedt – meinem Zielort – ist Ortskenntnis ein Fremdwort. Ein Spaziergänger mit seinem Hund, der anhand des Jogginganzugs dort irgendwo leben sollte – wusste nicht einmal, dass in der Nähe eine Grundschule war.

Die Grundschule lag aber auch gut versteckt am Ende einer Sackgasse; halb verschluckt von einem Wäldchen. Sie teilte sich in mehrere Gebäude auf, sodass sie mir noch weniger auffiel. Ich war erstaunt, wie viele Schüler sich draußen während der Hofpause versammelten und wie groß diese waren! Jedoch klärte man mich schnell auf, dass man gerade Haupt- und Gesamtschulklassen Unterschlupf gewährt. Alles andere hätte mich auch wirklich schockiert.

In der letzten Woche vor den Osterferien veranstalteten die Klassen eine Projektwoche zum Thema „Buch“. Dabei sollten die Schüler ihr Lieblingsbuch vorstellen, Bücher rezensieren, vorlesen … Autoren besuchten für je einen Tag eine Klassenstufe; mir wurden die vierten Klassen zugeteilt.

Zwar wusste ich von einer Klassenlehrerin, dass ihre Schüler sich mein Buch gekauft hatten, dennoch überraschte mich der Anblick von den vielen Timmys, die auf jedem Tisch lagen. Noch mehr überraschten mich jedoch die Lesezeichen, die alle schon in der zweiten Hälfte des Buches steckten. Ich fragte die Klasse, ob sie schon die ersten 50 Seiten gelesen hatten – alle Arme gingen nach oben. Die ersten 100? Nur wenige Hände senkten sich. Über 200 Seiten? Da zeigte niemand mehr auf.

Aber könnt ihr euch vorstellen, wie dieses Gefühl war? Unglaublich, ja. Ziemlich überwältigend sogar. Besonders wenn man eine Seite vorliest, umblättert und dann die Klasse ebenso umblättert. 😀
Außerdem wirft es einem die Pläne durcheinander, wenn ich für die Buchvorstellung nur Szenen aus den ersten 70 Seiten vorbereitet habe. Aber es rettete mich die Tatsache, dass die Kinder so viel mehr Fragen zum Buch hatten und ich so ihnen die Möglichkeit geben konnte, direkt über die Geschichte zu sprechen, die sie gerade lesen.
Jene Klasse machte mir auch noch ein besonderes Geschenk. Ich bekam einen ganzen Klassensatz von Bildern. Gemalt hatten die Kinder das Wappen von Onnipolis oder wie sie es sich vorstellen. Ich sollte aussuchen, welches Bild am ehesten meiner Vorstellung entsprach.

Die beiden darauffolgenden Klassen waren relativ „unbelastet“ und ließen sich von den ersten Kapiteln Timmys mitreißen. Deswegen gab es in bei ihnen aber umsomehr Fragen übers Schreiben und auch wie Bücher entstehen.
Die Berufswünsche, die dieses Mal herausragten, waren:

  1. Modedesignerin oder genauer: die nächste „Heidi Klum“
  2. Flugzeugbauer
  3. Yedi & Sith Lord (sehr viele Star Wars Fans :D)
  4. Autorin
  5. Yachthafenbesitzer
  6. Tierarzt – Endlich mal ein Junge!

Die vielen Traumberufe verschwimmen in meiner Erinnerung, es tut mir leid. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass mein Gedächtnis dank meiner Erkältung gelitten hat. Während des Schultages hatte ich meine Konzentration auf 120%, aber sobald ich das Gelände verlassen hatte, verschwand sie ins Bodenlose. Typisch Schulalltag halt …

Zum Abschluss baten mich ein paar Mädchen, ihre Geschichten zu lesen und zu bewerten. Ich tue mich immer schwer, Geschichten von Kindern zu bewerten, da ich dabei nicht den Standard ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ anwenden möchte. Es ist bewundernswert sich mit zehn oder elf Jahren Geschichten über ein Mädchen auszudenken, die von Schattenmännern verfolgt werden oder durch einen zerbrochenen Spiegel in eine fremde Dimension gezogen werden. Ich habe mir alle Mühe gegeben, die Mädchen zu ermutigen und sie sacht darauf hingewiesen, dass Anführungszeichen beim Dialog helfen. 😉 Sie waren auf jeden Fall ganz begeistert, als ich von meinem Verlag und meinen jungen Autorenkollegen erzählte. (Der Jüngste ist zehn.)

Trotz des Zwischenfalls mit dem Taxifahrer habe ich mich am gleichen schrecklich alt gefühlt. Ein Junge, berichtete mir stolz er habe einen DS mit ganz vielen Spielen. Ich überlegte … DS, DS, DS?
„Ach, du meinst einen Gameboy?“, fragte ich und erinnerte mich an meinen alten Gameboy Color und den Nintendo DS von Dominic.
Der Junge sah mich jedoch fragend an und antwortete: „Was ist denn ein Gameboy?“
Tja … Ich werde alt. Ich habe mich früher riesig über meinen Gameboy mit Farbdisplay gefreut. 😉

Über den Rest lässt sich nicht viel berichten. Ich habe mich über meinen neuen Blumenstrauß gefreut, sowie meinen Abstecher nach Hamburg. Leider hat die Deutsche Bahn es nicht zugelassen, dass ich mir noch etwas von der Stadt ansehe, denn meine RB verspätete sich derart, dass ich zum Gleis meines ICEs flitzen durfte. So viel zu die Streiks der Privatbahnen würden den Bahnverkehr nicht beeinflussen ….

April 28 2011

Goethe verfolgt mich – Powertag in der Grunschule Kremmen

Also wenn um 5:30 Uhr der Wecker klingelt und die geschätzten Audi, BMW und Mercedes Fahrer ständig auf der Autobahn drängeln (140 km/h sind anscheinend nicht schnell genug auf einer freien Strecke), dann möchte man den Arbeitstag doch wenigstens ohne schockierendes Erlebnis beginnen. Oder nicht? Mir blieb dies am Freitag, den 15.4. leider nicht erspart. Denn kaum hatte ich die Tür zur Grundschule in Kremmen (Oberhavelland) aufgeschoben, blickte mir Goethe in die Augen. Also, eine Büste von ihm. Langsam glaube ich, Goethe stalkt mich und zwar solange, bis ich Faust I+II beendet habe. 😉

Kremmen, Vehlefanz, Amalienfelde, Schwante Orion und all die Nachbardörfer, die ich mir nicht merken konnte, zeichnen sich durch einen Umstand aus: Sie liegen an der B237 und sie bestehen anscheinend nur aus Eigenheimen. Die Grundschule selbst sticht aus dem Bild heraus, besonders mit der großen Baustelle im Zuge der neuen Schulreform. Und natürlich der riesige Schulhof. Fragt mich nicht, was ich an Schulhöfen finde, aber verglichen mit anderer Höfe Platz‘ und Spielmöglichkeiten war mein alter richtig öde.

Geplant waren vier Lesungen in den fünften und sechsten Klassen. Als ich ankam, war der Raum noch nicht vorbereitet, daher durften der Reporter der Märkischen Allgemeinen und ich noch Tische und Stühle rücken. Ja, Reporter. Der Herr war so nett mir dabei zu helfen, da die Lehrerin, die mich am Tag begleitete, noch einen Test beaufsichtigte. Sobald mein Lesekreis aufgebaut war, stand die erste Klasse schon vor der Tür. Ich war positiv überrascht, als die Kinder ganz neugierig fragten, ob sie schon eintreten dürften. Oft genug bin ich schon Schülermassen ausgewichen, die sich auf die freien Stühle stürzten.

Zwar habe ich nicht ganz verstanden, was das Besondere am sogenannten „Flex-Klassenraum“ war, den wir beschlagnahmten, auf jeden Fall hat er zu einer lustigen Begebenheit geführt: Während der dritten Lesung begann der Lehrer im Nachbarraum, laut zu singen. Ein englisches Kinderlied! Und die Zweitklässler stimmten fröhlich mit ein. Meine Zuhörer grinsten sich nur einen und erklärten mir, dass jener Lehrer dies bei ihnen auch geträllert habe. Die Szene war schon fast verzaubert von einer gewissen Wisst-ihr-noch-Nostalgie, wobei ich mich ziemlich anstrengen musste, um konzentriert zu bleiben. 😉

Die besten kuriosen Berufe:

  1. Fernsehtester – In Zeiten des Plärr-TVs und der Realitysoaps bin ich dafür!
  2. Buchbewerterin – Ein Mädchen wollte die Bücher lesen, die man geschenkt bekommt, damit man auch weiß, ob sie gut oder schlecht sind
  3. Schleifenbinderin – Nie wieder offene Schnürsenkel
  4. Schmetterlingsanmaler – Dieser Junge möchte Schmetterlinge fangen und ihre Flügel bemalen. Eigentlich eine schöne Idee, nur gibt es völlig weiße Schmetterlinge?
  5. Tafelputzerin, welche direkt von der anwesenden Lehrerin engagiert wurde
  6. Grasbegrüner
  7. Zeitungsvorleserin – Dieser Beruf gefällt mir so gut, ich möchte ihn am liebsten in einem weiteren Band einbauen. Ich kann mir praktisch schon vorstellen, wie die Rentner und Pensionäre des Ur-Ur-Archipels Vorleser einstellen, da sie mal wieder ihre Brillen verlegt haben. 😀
Der Junge in Blau ist Timmy; der Junge in Gelb Korbe

Das Beste kam jedoch zum Schluss und schlug ganz unvorbereitet zu. In der letzten Klasse gab es zwei Jungen, die bereits den ersten meiner Parts mit Gesten untermalten. Wie eben Glaspolierer, Briefmarkenkleber und dergleichen arbeiten würden. Die beiden Jungen waren so fantastisch, dass ihre Lehrerin vorschlug, sie könnten doch den Mittelteil (in dem Korbe Timmy über den Ursprung der Berufe aufklärt) pantomimisch begleiten. Es war der Brüller! Sie spielten Timmy und Korbe, wie der eine sich aufregte, der andere beschwichtigte – bewegten sogar die Lippen synchron zu meinen Sätzen. Ich habe es nur aus den Augenwinkeln gesehen, aber wir alle schüttelten uns vor Lachen. Wie sehr habe ich mir doch gewünscht, meinen Camcorder dabei zu haben!

Bei all dem Spaß, den ich hatte, vier Lesungen schlauchen. Bisher gebe ich den Schüler immer als Vergleich, dass eine Lesung wie eine Klassenarbeit ist. Fünfundvierzig Minuten volle Konzentration und alles geben, wozu man fähig ist. Aber dann schauen sie mich immer ganz erstaunt an – als könnte es doch gar nicht so schwer sein. Eigentlich schade, aber in je mehr Schulen ich zu Gast bin, desto höher schätze ich die Arbeit, die Lehrer leisten. Sobald man kein Schüler mehr ist, merkt man erst, was für ein verdammt harter Job das ist.

Wie gewohnt zum Abschluss ein Stück Lokalgeschichte. Das „Highlight“ Kremmens ist das sogenannte Scheunenviertel. Dies ist eine Ansammlung von ca. 50 Gebäuden. Laut http://www.scheunenviertel-kremmen.com/ das deutschlandweit größte, erhaltene Ensemble. Dort finden immer wieder Kunst-, Handwerker- und Trödelmärkte statt; sowie auch die Kremmener Dorffeste.

 

April 26 2011

Marc Twain im Regen

Nein, ich habe nicht begonnen, Marc Twain zu lesen. 😉 Am Mittwoch, den 13.4.2011 war ich zu Lesungen in den fünften Klassen der Marc Twain Grundschule in Berlin-Reinickendorf eingeladen und es schüttete in Strömen. Der April bewies eindrucksvoll, wie nass und kalt er doch sein konnte, während ich zu Schule fuhr. Trotz Winterjacke war es recht kalt … Berlin bewies mir wieder seinen typischen autofahrerfeindlichen Charakter. Nach fünf Minuten war ich an der Schule angekommen, brauchte aber gute 20, um einen Parkplatz in der verkehrsberuhigten Zone zu finden.

Leider gibt es dieses Mal kein Foto vom Gebäude, da ich einfach nur froh war, aus dem Regen zu sein. Die Mark Twain Schule besteht aus mehreren Gebäuden, die einen Besucher relativ verwirren. Laut Anweisung der Klassenlehrer sollte ich mich an das blaue Haus halten. Leider hatte mir niemand verraten, dass damit die Fensterblenden des Treppenhauses gemeint waren … Mir fiel jedoch auf, dass ich wieder eine barrierefreie Grundschule besuchte; inklusive Fahrstuhl und Rollstuhlrampe. Die Marc Twain Grundschule ist eine Ganztagsschule, sodass mehrere Betreuer sich um eine Klassenstufe kümmern, oder sich im Aufenthaltsraum (voller Brettspiele 😉 ) aufhalten, falls etwas vorgefallen ist. Zwei Dinge haben mich jedoch überrascht: Erstens fand ich auf dem Flur der Fünftklässler Fotos von einem Ausflug nach London! Nicht übel! Zweitens begegnete mir im ersten Klassenraum eine elektronische Tafel. Zu meiner Schulzeit spekulierte man darüber, vielleicht welche einzuführen, und B-U-M-M hing so ein Ding voll mit geometrischen Zeichnungen vor meiner Nase.

Seit Langem sollte ich wieder eine Stunde lang vorlesen, was dank der vielen „Vielleicht“ – Parts ganz gut klappte. Die ersten siebzig Seiten meiner Ausgabe von Timmy sind mittlerweile bunt angestrichen. Je nachdem, ob ich Stellen weglasse, sie nur nutze, wenn die Zeit es erlaubt, oder wer gerade spricht. (Frau Schnelles Monolog ist z.B. knallorange). Zum ersten Mal konnte ich den „Beth-Part“ ausprobieren, in dem Timmy auf das Mädchen im Bekleidungsgeschäft trifft. Die Wirkung entsprach nicht ganz dem, was ich erhoffte, aber wahrscheinlich muss ich Beth noch mehr üben, um ihre eine stärkere Stimme zu verleihen. Wird schon. 😉

Gefreut habe ich mich, dass einige Kinder Namensschilder anfertigten. So musste ich endlich nicht mehr der Junge in Grün oder das Mädchen im Hello Kitty – Pullover sagen. Denn bei diesen Beschreibungen schauen Kinder (wie Erwachsene) immer zuerst an sich hinunter, um zu kontrollieren, was sie denn angezogen haben. Eine Klasse beschenkte mich reich mit selbst gemalten Bildern, die entstanden, während ihre Lehrerin ihnen das erste Kapitel vorlas. Erstaunlich, welche Details sie aufschnappten und wie sie sich Onnipolis, den Bahnhof und den Blumenladen vorstellten.

Die Schüler hatten Fragen, Fragen, Fragen. Zum Schreiben, zu meiner Person, aber auch unerwartete. Wie viele Wörter hat das Buch? (Ähm …) Wie verhalten sich Allergien? Kann mein Vater an Zitronenlimonade sterben? Was ist eine Immunschwäche? Warum musste der Junge im Film in dieser Blase sein? Ich glaube, sie meinten „Bubble Boy“ mit Jake Gyllenhaal …
Doch egal wie viel Zeit ich von ihrer Pausen raubte, wenn ich fragte, ob sie noch die letzte Stelle hören wollten, erklang immer ein sehr lautes, einstimmiges ‚JA‘

Die Tops unter den kreativsten Berufswünschen:

  1. Hundesitter
  2. Jetpilot
  3. Chirug
  4. Faulenzer – da hatten wir ihn wieder. Wieder ein Junge. 😉
  5. Eine eigene Tanzschule eröffnen
  6. Hiphop-Tänzer
  7. Astronaut, was eine rege Diskussion über Yuri Gagarin auslöste
  8. Zahnärztin
  9. Geologe
  10. Innenarchitekt, weil der Junge es mag, Räume zu gestalten und einzurichten

Im Gedächtnis geblieben sind ebenfalls die Kaffeetassen, die im Lehrerstützpunkt/Lehrerzimmer benutzt werden. Wie es sich für eine Lehranstalt gehört, durchdringt die Bildung alles; selbst das Geschirr. Dazu ist die Welt sehr klein. Eine Klassenlehrerin hatte mich 2010 bei der Berichterstattung über die Leipziger Buchmesse im RBB gesehen und erkannte mich wieder, als ich von meiner ‚Autorin sucht Verlag – Aktion‘ erzählte. Meine 20 Sekunden TV-Auftritt haben sich also doch gelohnt. Bestätigung erhalten.

Nach meiner letzten Lesung erlag ich noch einer Knuddelattacke von einigen Mädchen, die mich einerseits verabschieden wollten und andererseits überzeugt waren, dass das Berühren einer Autorin Glück für die morgige Englischarbeit bringen sollte. Obwohl die Schüler Mittagspause hatten, wollten einige mich noch vom Schulgelände eskortieren. Ich bewunderte diese kleinen Energiebündel. Nach drei Lesungen war mein Gehirn nur noch Matsch, aber sie tobten und quatschten munter um mich herum.  Die Jungs erklärten mir, sie würden Timmy zum besten Freund haben wollten, was ich ziemlich süß fand, und dass dies die bisher beste Geschichte war, von den beiden, die man ihnen vorgestellt hat. Ich habe es mit einem Lachen hingenommen und mich nicht getraut zu fragen, wer vor mir die Klassen besucht hatte. Denn hey, (Zitat) „das Buch ist total toll!“.

Meine Eskorte nach draußen
Meine Eskorte nach draußen
April 19 2011

In Berlin heißt es ‚Popstar‘

Yeah! Meine erste Berliner Lesung! Am 11. Und 14. April war ich in der Reginhardt Grundschule in Reinickendorf zu Besuch!

Jetzt werden einige denken: Aber sie war doch schon in Spandau in der Grundschule am Eichenwald? Ja, das stimmt. Aber Berliner und Spandauer werden mir zustimmen, dass diese beiden Orte nicht zu einander gehören wollen. Ein Bekannter würde jetzt sagen Berlin liegt bei Spandau – ein bisschen wie die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf.

Am ersten Tag kam ich natürlich viel zu früh (30 Minuten!) und musste mich mit warten beschäftigen. Aber ich hatte einfach unterschätzt, wie dicht diese Schule an meinen Zuhause liegt. Das Schulgebäude wirkt von außen freundlich – auch der große Schul/Spielplatz. Leider haben mir die Bilder in den Gängen und Fluren gefehlt. Auch wenn die Treppenhäuser mit einer Art Graffiti-Kunst versehen waren, mir fehlten die Plakate, die Fotos von Ausflügen, … Trotz Schautafeln auf den Fluren hatte man alles in den Klassen aufgehängt.

Insgesamt habe ich vor fünf Klassen gelesen (fünfter und sechster Jahrgang). Die einen waren hyperaktiv. Ich denke da besonders an einen Jungen, der nicht still sitzen konnte und von seinem Stuhl fiel. Der Unglückliche knallte mit der Stirn gegen die Tischkante, mit dem Hinterkopf gegen den Stuhl und saß dann lachend und weinend zugleich auf dem Boden. Während wir uns sorgten, meinte er nach ein paar Momenten „Aua“, grinste und setzte sich wieder hin.

Daher habe ich in der Reginhardt Schule gelernt, auf den zweiten Eindruck zu vertrauen. Während der Lesung wurde ich mit Mini-Dreiecken anvisiert und fast getroffen, doch der Junge fragte mir danach Löcher in den Bauch und bat als neuester „größter Fan“ sogar, dass ich seinen Zirkelkasten signiere. Auf was ich alles meine Unterschrift setzen muss! 😉
Eine andere Klasse lauschte ganz gebannt, doch sobald ich das Buch zu klappte, brach die Hölle los; sowohl in Dezibel als auch in Aktivität. Zum Glück erklärte mir die Lehrerin, dass dies die letzte Stunde für die Schüler sei und es in ein paar Minuten klingeln sollte. Dennoch kamen noch ein paar Mädchen zu meinem Platz am Pult und stellten – ganz neugierig – ihre Fragen und blieben sogar bis nach Schulschluss.

Richtig anstrengend wurde es jedoch am zweiten Tag. Eine Lesung fand in der fünften Stunde vor zwei Klassen in der Aula statt; ca. 60 Schüler. Da es keinen Mikrophonständer gab, hatte ich nur zwei Möglichkeiten. Entweder Mikro und Buch halten und  mit der Nase die Seiten Blättern oder mir wie die Klavierspieler früher einen Seitenumblätterer aus dem Publikum holen. Beide Optionen schienen mir weniger angebracht, also musste ich meine Zuhörer mit meiner Stimme bändigen.
Die Gruppe spaltete sich jedoch in zwei Teile. Der vordere war fasziniert, der hintere kam gerade aus einer Kinovorstellung und war nicht gerade begeistert, weitere 45 Minuten still zu sitzen. Gott sei Dank habe ich gelernt, mit Hall umzugehen, sonst wäre es wohl in einem Fiasko geendet. So, beschwerte es mir nur ein Krächzen in der Stimme. Meine Fähigkeiten laut und noch lauter zu sprechen, sind halt begrenzt.

Dennoch fürchte ich, dass ich eine Phobie vor Schülermassen entwickeln werden, die in Richtung der mitgebrachten Sticker und Lesezeichen stürmen. Ich husche meist noch zur Seite, aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem sich ein Junge den Arm bricht … Dabei habe ich immer genug dabei, damit auch niemand leer ausgeht.

Zum Abschluss noch einige Berufswünsche der Schüler:

  1. Popstar – Da merkt man doch gleich den Unterschied zwischen Stadt und Land. Es heißt nicht Sängerin oder Tänzerin, nein, man will gleich hoch hinaus und ein Star sein (zumindest zeitweise, wenn man an die ganzen Casting-Reinfälle denkt).
  2. Schmuckdesignerin / Goldschmied
  3. Besitzer einer Süßigkeitenfabrik
  4. Management Mercedes – Der Junge wusste ganz genau, was er will.
  5. Chef – Egal von was, Hauptsache Chef
  6. Professioneller Pokerspieler, worauf sein Banknachbar sich wünschte professioneller Kartengeber zu werden.
  7. TV-Moderatorin
  8. Schnürsenkelbinder
  9. Computerhacker – was ich dem Jungen hoffentlich wieder ausreden konnte. Kein wirklich erstrebenswerter Beruf.

Auf meinem Nachhauseweg habe ich auch noch einen Laden entdeckt, der mich definitiv was kosten wird. Einen Otaku-Laden direkt auf der Residenzstraße! Mangas, Animes, Merchandise direkt in meiner Nähe! 😉